{"id":44033,"date":"2017-12-04T17:11:11","date_gmt":"2017-12-04T16:11:11","guid":{"rendered":"http:\/\/newparadigm.schillerinstitute.com\/media\/europe-contribute-new-world-paradigm\/"},"modified":"2017-12-22T14:52:06","modified_gmt":"2017-12-22T13:52:06","slug":"europe-contribute-new-world-paradigm","status":"publish","type":"portfolio_cpt","link":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/portfolio\/europe-contribute-new-world-paradigm\/","title":{"rendered":"\u201eWas Europa zum neuen Weltparadigma beitragen sollte\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-big\"><h2 class=\"title-big-title\">Jacques Cheminade<\/h2><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"\u201eWas Europa zum neuen Weltparadigma beitragen sollte\u201c\" width=\"860\" height=\"484\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pxoLzExqoVw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Redetranskript<\/h2>\n<p class=\"western\"><em>Der ehemalige franz\u00f6sische Pr\u00e4sidentschaftskandidat Jacques Cheminade er\u00f6ffnete den dritten Abschnitt der Frankfurter Konferenz des Schiller-Instituts am 26. November 2017 mit dem folgenden Vortrag.<\/em><\/p>\n<h2 class=\"western\">Was Europa zum neuen Weltparadigma beitragen sollte<\/h2>\n<p class=\"western\">\u201eEuropa, Europa, Europa!\u201c \u201eMan kann nat\u00fcrlich auf seinem Stuhl hoch und runter springen und wie ein Zicklein vor sich hin meckern: ,Europa, Europa, Europa!\u2019, aber das f\u00fchrt zu nichts und bedeutet nichts.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Diesen provokanten Satz sagte General de Gaulle in einem Interview am 14. Dezember 1965. Noch heute behaupten einige, als de Gaulle so reagierte, sei es ihm nur um Frankreichs gro\u00dfe politische Pl\u00e4ne und Ansehen gegangen, w\u00e4hrend andere so tun, als h\u00e4tten ihn vor allem kommerzielle und wirtschaftliche, insbesondere landwirtschaftliche Motive bewogen &#8211; eine protektionistische Auffassung nationaler Interessen, die gegen alle \u00fcbrigen Nationen geltend gemacht w\u00fcrden. Beides ist falsch.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist jetzt unverzichtbar, da\u00df die europ\u00e4ischen Nationen sich fragen, warum beides falsch ist, denn das wirft die Frage auf, was ein Nationalstaat und eine Region der Welt wie Westeuropa eigentlich ist. Es ist die erste Frage, die man stellen mu\u00df, um seine Aufgabe zu begreifen &#8211; n\u00e4mlich was wir tun k\u00f6nnten und sollten, um das neue Paradigma, unsere Weltlandbr\u00fccke, zu realisieren. Tats\u00e4chlich ist es unverzichtbar, erst die Quelle zu identifizieren, um zu verstehen, was aus ihr herausstr\u00f6men k\u00f6nnte und sollte. Um so mehr, als es eben dieser Charles de Gaulle war, der nach der Anerkennung der Volksrepublik China im Januar 1964 mit recht prophetischen Worten erkl\u00e4rte, was sich kein anderer vorstellen konnte: \u201eEs ist nicht ausgeschlossen, da\u00df China einmal wieder das werden wird, was es in vergangenen Jahrhunderten war: die gr\u00f6\u00dfte Macht im Universum.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Was de Gaulle ablehnte, war eine supranationale Institution und ein pseudof\u00f6derales Modell der Integration, das sich gegen das Prinzip des Nationalstaats als solches richtete. Er wu\u00dfte, was Solidarit\u00e4t bedeutet &#8211; im Gegensatz zu dem, was in der jetzigen Europ\u00e4ischen Union geschieht: ein gemeinsames Ziel zu verfolgen und Solidarit\u00e4t auf gegenseitigem Verst\u00e4ndnis zu gr\u00fcnden, anstatt die Souver\u00e4nit\u00e4t der Nationen zu untergraben. Er sagte seinem Pressesprecher Alain Peyrefitte: \u201eWas die Angelsachsen wollen, ist ein uferloses Europa, ein Europa, das keine Ambition mehr h\u00e4tte, es selbst zu sein. Ein Europa ohne Grenzen, ein Europa \u00e0 l\u2019anglaise&#8230; Ein Europa, in dem jedes europ\u00e4ische Land, angefangen mit unserem eigenen, seine Seele verl\u00f6re.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Das entscheidende Wort hier ist \u201eSeele\u201c. Denn wenn Europa heute zur Neuen Seidenstra\u00dfe und zur Weltlandbr\u00fccke beitragen kann, dann mit der Seele jeder einzelnen seiner Nationen, mit der Seele seiner gro\u00dfen Komponisten, Dichter, Philosophen und Staatsm\u00e4nner, mit ihrer Wissenschaft, ihrer Kunst und ihrer Technik, aber nicht mit dem sterilen Produkt eines k\u00fcnstlichen Gebildes, das von einer monetaristischen B\u00fcrokratie regiert wird. In diesem Sinne war de Gaulle definitiv und absolut proeurop\u00e4isch. In demselben Interview, in dem er seine so oft falsch interpretierte \u00c4u\u00dferung \u00fcber die Zicklein machte, sagte er auch:<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eSolange ich Franzose bin, bin ich ein Europ\u00e4er. Angesichts der Tatsache, da\u00df wir hier in Europa sind &#8211; und ich mu\u00df sagen, da\u00df Frankreich schon immer ein wesentlicher, wenn nicht ma\u00dfgeblicher Teil Europas war -, bin ich nat\u00fcrlich Europ\u00e4er&#8230; Unsere L\u00e4nder haben ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre Lebensart, und sie sind franz\u00f6sisch, deutsch, italienisch, britisch, holl\u00e4ndisch, belgisch, spanisch, luxemburgisch. Sie sind L\u00e4nder, die wir immer mehr daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, miteinander zu leben und zu handeln. In diesem Sinne bin ich der erste, der anerkennt und denkt, da\u00df unser Gemeinsamer Markt wesentlich ist, denn wenn es uns gelingt, ihn zu organisieren und in der Folge eine wahre wirtschaftliche Solidarit\u00e4t unter den europ\u00e4ischen Nationen zu schaffen, dann werden wir viel daf\u00fcr getan haben, da\u00df die Menschen einander wirklich n\u00e4herkommen, und f\u00fcr unser gemeinsames Leben.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Und in einer Rede in Bonn im Juni 1965 sagte er:<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eWir Europ\u00e4er sind Kathedralenbauer. Wir haben lange gebraucht. Es hat uns viel M\u00fche gekostet. Aber wir haben es geschafft&#8230; Jedenfalls gibt es ein Fundament, das ist die Vers\u00f6hnung zwischen Frankreich und Deutschland. Die S\u00e4ulen sind unsere sechs Mitglieder der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft. Oben wird es ein Gew\u00f6lbe und ein Dach haben, und das wird unsere politische Kooperation sein. Die S\u00e4ulen werden gebaut, wenn das Fundament gelegt ist. Das Dach wird aufgesetzt, wenn die S\u00e4ulen richtig gebaut sind&#8230; Wenn unsere Kathedrale gebaut ist, wird man sie anderen \u00f6ffnen. Und wenn wir dann Geschmack am Bauen gefunden haben, wer wei\u00df, ob wir nicht eine noch gr\u00f6\u00dfere und sch\u00f6nere Kathedrale erbauen werden, die Union des gesamten Europa?\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Schon mitten im Zweiten Weltkrieg, am 11. November 1942, hatte de Gaulle die Europ\u00e4er eingeladen, \u201esich in praktischer und dauerhafter Weise zu verbinden\u201c.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Zwei Fallen<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Es ist sehr wichtig, dieses Konzept zu verstehen. Nat\u00fcrlich hat sich seit den 40er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vieles ver\u00e4ndert, aber die Herausforderung bleibt die gleiche, und sie ist sogar noch klarer geworden. Dabei gibt es zwei Fallen. Die erste ist die Vorstellung, es gehe darum, zur Vergangenheit zur\u00fcckzukehren, einen R\u00fcckzug der Nation auf sich selbst, ein feststehendes Modell. Die zweite ist, unsere Nationen einer Europ\u00e4ischen Union zu unterwerfen, die zum Werkzeug eines Eine-Welt-Monetarismus geworden ist und von Geldf\u00e4lschern wie Mario Draghi regiert wird, \u00fcber den Euro und die Finanzinstitutionen eines Schein-Europa und die NATO. Beides bedeutet eine Unterwerfung unter die herrschende Finanzoligarchie, die Ideologie und Finanzmacht des Britischen Empire im neuen, anglo-amerikanischen Gewand. Und aus genau diesem Grund verhinderte de Gaulle die Aufnahme Gro\u00dfbritanniens in die Europ\u00e4ische Union.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist sehr wichtig f\u00fcr unsere amerikanischen und chinesischen Freunde, diesen Punkt zu verstehen: Es bedeutet ein Europa, das aus der geopolitischen Herrschaft ausbricht, damit es wirklich es selbst sein kann, und europ\u00e4ische Nationalstaaten, die ihre Bem\u00fchungen f\u00fcr gemeinsame Projekte b\u00fcndeln, anstatt sich einzeln oder zusammen dieser geopolitischen Herrschaft zu unterwerfen.<\/p>\n<p class=\"western\">Es sollte klar sein, da\u00df die heutige Europ\u00e4ische Union auf einem Verrat an den besten Quellen aus der Geschichte und Kultur Europas beruht &#8211; und ich meine wirklich Quellen, nicht Wurzeln, die sich am Boden festkrallen. Aber es sollte ebenso klar sein, da\u00df die europ\u00e4ischen Nationen und ihre Staatsf\u00fchrer und auch ihre sogenannten populistischen Gegner ihre Seelen verkauft haben. Worin liegt also die Hoffnung? Was k\u00f6nnte unser europ\u00e4ischer Beitrag sein? Er liegt offensichtlich in einem Verst\u00e4ndnis, was ein Nationalstaat wirklich ist &#8211; etwas, was auch wenn es versch\u00fcttet ist, latent in den Herzen aller wahren Europ\u00e4er vorhanden ist. Unsere Aufgabe ist es, sie aus dem Schlaf der Vernunft zu wecken.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein Nationalstaat ist mehr als blo\u00df ein Territorium oder ein Staat mit einer bestimmten Bev\u00f6lkerung, Religion oder Tradition. Er ist die Dynamik einer Idee, die sich entwickelt und ihre Kraft und ihren Umfang in der Geschichte vergr\u00f6\u00dfert. Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Francois Rabeleis, Miguel Cervantes, Dante Alighieri, Alexander Puschkin, Percy B. Shelley und, in ihren besten Momenten, Adam Mickiewicz und Victor Hugo brachten diese \u201eIdee\u201c in ihren Schriften hervor, wie viele andere Poeten auf ihre eigene Weise.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Idee ist dynamisch, wie alle Ideen, und ihr politischer Ausdruck ist, da bin ich mir sicher, unser bester Beitrag zum Neuen Paradigma der Welt. Wenn Sie von ihnen inspiriert sind, beginnen Sie, die konfuzianische Tradition Chinas zu verstehen, und Sie tappen nicht in die Fallen der Geopolitik und des Monetarismus. Gro\u00dfe Geister tendieren stets dazu, jenseits der kleinen Dinge \u00fcbereinzustimmen. Im Westf\u00e4lischen Frieden von 1648 findet man das Konzept des Vorteils des anderen und in der Amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung das \u201eStreben nach Gl\u00fcckseligkeit\u201c &#8211; das gleiche Konzept der Gl\u00fcckseligkeit, das auch Pr\u00e4sident Xi Jinping entwickelt hat, eine Gl\u00fcckseligkeit, die man nur erreichen kann, wenn man sie auch anderen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p class=\"western\">Damit man etwas beitragen kann, m\u00fcssen wir Europ\u00e4er alle unser Gewissen erforschen, denn der Weg zur Vernunft f\u00fchrt immer \u00fcber das Herz. Dieses Bem\u00fchen unsererseits, so da\u00df es die Chinesen verstehen, w\u00e4re f\u00fcr uns der beste Weg, uns der Herausforderung der G\u00fcrtel- und Stra\u00dfen-Initiative zu stellen: aus der gegenw\u00e4rtigen Europ\u00e4ischen Union, dem Euro und der NATO ein wahres Europa von Nationalstaaten aufzubauen, wie de Gaulle sagte, \u201evom Atlantik bis zum Ural\u201c. Und diesmal noch weit dar\u00fcber hinaus, den Atlantik einerseits mit dem Chinesischen Meer und anderseits mit einem wiedergeborenen Amerika verbindend. Das sollte und w\u00fcrde f\u00fcr die Welt sehr lehrreich sein.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn wir diese Anstrengung machen, k\u00e4men wir heraus aus der Ideologie, Erfolg k\u00f6nne man nur auf Kosten der anderen haben, und \u201ewer hat, dem wird gegeben\u201c. Und die Chinesen w\u00fcrden dies begr\u00fc\u00dfen. Es w\u00fcrde uns von der albernen Vorstellung befreien, die Neue Seidenstra\u00dfe sei deshalb gut, weil man sie als Werkzeug gegen die Vereinigten Staaten benutzen kann. Auch das w\u00fcrden die Chinesen begr\u00fc\u00dfen. Pr\u00e4sident Trumps Chinabesuch hat bewiesen, da\u00df die chinesische Regierung f\u00fcr eine Entwicklungsgemeinschaft aller Nationen k\u00e4mpft, weil sie versteht, da\u00df ihr eigenes bestes Interesse mit dem Interesse aller anderen \u00fcbereinstimmt. Unsere Arbeit hier in Europa sollte darin bestehen, den kulturellen Pessimismus der Geopolitik und der Habgier zu \u00fcberwinden und unsere besten Momente wiederzubeleben, wie unsere gro\u00dfartige Renaissance, in denen wir versuchten, zur Gr\u00fcndung einer Republik beizutragen und zu den K\u00fcsten Amerikas strebten, um dem Griff der europ\u00e4ischen Oligarchie zu entkommen. In diesem Sinne sollte es unser Beitrag sein, unsere eigene Geschichte zur\u00fcckzugewinnen und wiederzuentdecken, wie wir unsere Revolutionen in der Wissenschaft und der Kunst hervorgebracht haben.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Quellen der europ\u00e4ischen Zivilisation<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Es bedeutet, einen selbstzerst\u00f6rerischen Eurozentrismus abzusch\u00fctteln und der Welt das Geschenk eines wahren Internationalismus zu machen, befreit von einem narzi\u00dftischen Nationalismus wie dem Kosmopolitentum der finanziellen Sklaventreiber. Um die Tatsache zu begreifen und anderen freudig mitzuteilen, da\u00df Europa nur existieren kann, weil es &#8211; trotz eines Karls des Gro\u00dfen &#8211; vom Untergang des R\u00f6mischen Reichs bis zu unserer gro\u00dfartigen Renaissance bemerkenswerte Leistungen in anderen Teilen der Welt gegeben hat, vor allem in China, aber auch in Indien, Kambodscha und Teilen Afrikas. In diesem Sinne m\u00fcssen wir verstehen, da\u00df wir selbst auch andere Quellen in unserer Zivilisation haben als die griechische und die j\u00fcdisch-christliche, damit unser Beitrag fruchtbar ist. Das bedeutet aber nicht, die j\u00fcdisch-christlichen Beitr\u00e4ge zu untersch\u00e4tzen, sondern ganz im Gegenteil, zu erkennen, da\u00df sie nicht nur wesentlich sind f\u00fcr die kommende Welt, sondern auch substantiell f\u00fcr uns.<\/p>\n<p class=\"western\">Ohne die Besucher aus China beispielsweise, die zur Zeit des Konzils von Florenz mit Toscanelli zusammentrafen, w\u00e4re Amerika wahrscheinlich erst sehr viel sp\u00e4ter von uns Europ\u00e4ern \u201eentdeckt\u201c worden und die Sache der Freiheit von der Oligarchie wahrscheinlich mindestens zeitweilig verloren gegangen.<\/p>\n<p class=\"western\">Heute ist die G\u00fcrtel- und Stra\u00dfen-Initiative, zusammen mit der Existenz der BRICS, nicht nur ein Netzwerk von Infrastrukturprojekten, wirtschaftlichen Einrichtungen und Hochgeschwindigkeitsbahnen, sondern auch eine \u00c4nderung des Paradigmas, nicht nur f\u00fcr China, auch wenn es von China inspiriert ist, sondern universell, was die Chinesen viel besser verstehen als wir. Es ist ein potentieller Sprung von einer geopolitischen und finanziellen Ordnung, die auf dem Besitz von Waren und Territorien beruht, zu einer Wirtschaftsordnung des Austauschs und der gegenseitigen Entwicklung, auf der Grundlage von Verbindungen und st\u00e4ndigen Innovationen, anstatt auf der Grundlage von Annexionen und Besitzungen.<\/p>\n<p class=\"western\">Um dies zu verstehen, m\u00fcssen wir den Ansatz von Gottfried Wilhelm Leibniz in dieser Frage aufgreifen und mit den Chinesen teilen. Ausgehend vom Prinzip der Universalit\u00e4t der Vernunft, schlo\u00df Leibniz am Ende des 17. Jahrhunderts, namentlich in seiner <i>Novissima Sinica<\/i>, nicht nur, da\u00df die Theologie des offenbarten Christentums und die nat\u00fcrliche Philosophie des Konfuzianismus kompatibel sind, sondern auch, da\u00df es notwendig sei, eine wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Kooperation zwischen den beiden \u201eentwickelteren Extremen Eurasiens\u201c &#8211; Westeuropa und China &#8211; in Gang zu setzen. Er schreibt:<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eDurch eine einzigartige Entscheidung des Schicksals, wie ich glaube, ist es dazu gekommen, da\u00df die h\u00f6chste Kultur und die h\u00f6chste technische Zivilisation der Menschheit heute gleichsam gesammelt sind an den zwei \u00e4u\u00dfersten Enden unseres Kontinents, in Europa und China, das gleichsam wie ein Europa des Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Leibniz war der Ansicht, da\u00df die Europ\u00e4er in den Wissenschaften der nicht-physischen Dinge und den metaphysischen Spekulationen \u00fcber die Geometrie vom Standpunkt der Philosophie fortgeschrittener seien, w\u00e4hrend die Chinesen einen besseren Begriff von der praktischen Philosophie und den Regeln des Lebens h\u00e4tten. Deshalb lehrte der belgische Jesuit Ferdinand Verbiest den Kaiser Kang Xi die \u201eeurop\u00e4ischen Wissenschaften\u201c, Trigonometrie und astronomische Mathematik, soda\u00df der Kaiser ein hochgebildeter Mann wurde, der die Geometrie vom Standpunkt der Geometrie und nicht blo\u00df als ein Handwerk betrachtete, und der ein Buch verfa\u00dfte, um Kinder mit den Prinzipien dieser wunderbaren Wissenschaft bekannt zu machen. Leibniz erreichte, da\u00df die Jesuitenpriester, die vom franz\u00f6sischen K\u00f6nig nach China entsandt wurden, diese Kenntnisse in der gebildeten Schicht Chinas weiter verbreiteten, damit mit dem Austausch von Waren auch ein Austausch von Ideen einherging. Aber f\u00fcr Leibniz war diese Beziehung keine Einbahnstra\u00dfe, worauf er ironisch und gleichzeitig ernsthaft hinweist: \u201eJedenfalls scheint mir die Lage unserer hiesigen Verh\u00e4ltnisse angesichts des ins Unerme\u00dfliche wachsenden moralischen Verfalls so zu sein, da\u00df es beinahe notwendig erscheint, da\u00df man Missionare der Chinesen zu uns schickt, die uns Anwendung und Praxis einer nat\u00fcrlichen Theologie lehren k\u00f6nnten, in gleicher Weise, wie wir ihnen Leute senden, die sie die geoffenbarte Theologie lehren sollen.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Europa sollte dazu beitragen, das Wissen \u00fcber diesen ersten Entwurf einer globalen Seidenstra\u00dfe, ein Netz des physischen wie des mentalen Austauschs, auf beiden Seiten zu vertiefen. Dabei ist es eine gute Lehre f\u00fcr uns alle, zu verstehen, wie diese Mission in der Geschichte erstickt wurde: zuerst von den \u201eUltramontanen\u201c in Rom, die nicht anerkennen wollten, da\u00df das <i>ren<\/i> und das <i>li<\/i> &#8211; die Idee eines universellen, souver\u00e4nen Guten &#8211; mit dem Geist des Christentums vereinbar ist, und dann durch den brutalen Angriff des Britischen Empires, unterst\u00fctzt von den Franzosen, wie Victor Hugo es anprangerte, insbesondere durch die Opiumkriege, die m\u00f6rderische Kanonenboot-\u201eDiplomatie\u201c und die Pl\u00fcnderung des Landes.<\/p>\n<p class=\"western\">Dieses historische Wissen sollte uns helfen, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, und dann unsere Beziehungen mit den Augen der Zukunft zu betrachten.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Zukunftsorientierte Zusammenarbeit<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Es gibt jetzt nat\u00fcrlich viele Gebiete der Kooperation, aber sie sind immer noch viel zu begrenzt. Wenn man in der Geschichte der Wissenschaften betrachtet, was wir Europ\u00e4er einbringen k\u00f6nnen, dann gibt es so viel gemeinsam zu studieren: die Werke Wernadskijs, die deutsche und russische Schule der kosmischen und astronautischen Studien, die italienische Schule der Hydrodynamik, die franz\u00f6sische Entwicklung der Laserfusion etc.<\/p>\n<p class=\"western\">Konkret gibt es vieles zu teilen, vorausgesetzt, es gibt den politischen Willen und kein ideologisches Mi\u00dftrauen. Mir wurde oft gesagt, wenn die Wissenschaftler ihre eigenen Kommunikationskan\u00e4le schaffen, dann besteht das Problem bei allen diesen Unternehmungen darin, da\u00df es keine Kooperation seitens der europ\u00e4ischen Verwaltungen gibt &#8211; die gehen viel zu oft von der Lage in China vor f\u00fcnf oder zehn Jahren aus, ohne die enormen Fortschritte, die China in den letzten Jahren gemacht hat, zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Franzosen scheinen noch st\u00e4rker durch die B\u00fcrokratie gel\u00e4hmt zu sein als die Deutschen: Es gibt derzeit 5000 chinesische Doktoranden in Deutschland, aber nur 500 in Frankreich. Die letzte franz\u00f6sisch-chinesische Wissenschaftskommission traf sich vor sechs Jahren, und in den letzten zehn Jahren gab es nicht einmal f\u00fcnf Besuche leitender Wissenschaftler von beiden Seiten! Das schlimme ist die Zensur vieler Initiativen durch unsere Sicherheits- und Verteidigungsdienste und das Fehlen einer langfristigen Strategie f\u00fcr die Kooperation.<\/p>\n<p class=\"western\">Frankreich hat zwar zwei gemeinsame Projekte mit China im Luft- und Raumfahrtsektor: CFOSAT, ein Satellit, der 2018 gestartet werden soll, um die Ozeane zu beobachten, und SVOM, f\u00fcr 2020 geplant, zur Beobachtung von Gammastrahlpulsen. Das franz\u00f6sische Projekt Cardiospace wurde in die Tiangong-2-Mission der chinesischen Weltraumstation eingegliedert. Aber das ist nat\u00fcrlich noch weit entfernt von dem, was wir beitragen k\u00f6nnten und sollten. Ich k\u00e4mpfe daf\u00fcr, einen gemeinsamen Bereich weitreichender Kooperationen zu schaffen, auf franz\u00f6sisch-chinesischer und auf europ\u00e4isch-chinesischer Ebene, f\u00fcr eine wirklich ehrgeizige Weltraumpolitik, das Aufbl\u00fchen einer \u201eblauen\u201c Meereswirtschaft und die Entwicklung Afrikas.<\/p>\n<p class=\"western\">All das kann man auf franz\u00f6sischer oder europ\u00e4ischer Ebene nicht von unten her beschlie\u00dfen oder arrangieren. Man braucht eine Strategie von oben her, die durch Auftragstaktik vorangetrieben wird, um zu einem Austausch der Ideen, Forschung, Innovationen und Waren zu gelangen, was erreicht werden mu\u00df, um eine Gemeinschaft der Entwicklung und des weltweiten Friedens zu erreichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Chinas Aufstieg ist f\u00fcr uns Europ\u00e4er eine Gelegenheit, unsere Augen zu \u00f6ffnen, uns selbst zu betrachten und unsere K\u00f6pfe zu erheben, statt mit dem Kopf zwischen den Beinen zu laufen. Das wird uns gl\u00fccklicher machen, so wie alle die chinesischen Kinder, die von einer freudigen Neugier erf\u00fcllt sind. Unsere Herausforderung als Erwachsene ist es, f\u00fcr sie zu sorgen, rational zu sein und wieder von ganzem Herzen stolz auf unsere Nationen zu sein, stolz auf die gemeinsame Arbeit f\u00fcr eine Zukunft auf der Grundlage einer Prinzipiengemeinschaft, von Solidarit\u00e4t und Frieden.<\/p>\n<p class=\"western\">Kriechen wir nicht mehr in der Vergangenheit herum, sondern tun den Sprung in die Zukunft, um unsere Seelen, die Seelen Europas und anderer Nationen, wiederzufinden und zu erneuern. Das ist f\u00fcr uns als wahre Europ\u00e4er ein obligatorischer Beitrag, und es ist Zeit, wahrhaft menschlich zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Jacques Cheminade<\/b>, ehemaliger Pr\u00e4sidentschaftskandidat, Frankreich<\/p>\n","protected":false},"featured_media":34869,"menu_order":11,"template":"","meta":{"footnotes":""},"portfolio_category":[454,457],"class_list":["post-44033","portfolio_cpt","type-portfolio_cpt","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","portfolio_category-bad-soden-november-2017-de","portfolio_category-panel-3-de-4"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt\/44033","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt"}],"about":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/portfolio_cpt"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt\/44033\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":44383,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt\/44033\/revisions\/44383"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34869"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44033"}],"wp:term":[{"taxonomy":"portfolio_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_category?post=44033"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}