{"id":34655,"date":"2016-06-29T13:48:03","date_gmt":"2016-06-29T11:48:03","guid":{"rendered":"http:\/\/newparadigm.schillerinstitute.com\/de\/media\/chas-freeman-things-fall-apart-america-europe-and-asia-in-the-new-world-disorder\/"},"modified":"2016-07-13T09:53:52","modified_gmt":"2016-07-13T07:53:52","slug":"chas-freeman-things-fall-apart-america-europe-and-asia-in-the-new-world-disorder","status":"publish","type":"portfolio_cpt","link":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/portfolio\/chas-freeman-things-fall-apart-america-europe-and-asia-in-the-new-world-disorder\/","title":{"rendered":"Chas Freeman: Der Zerfall des alten Systems \u2013 Amerika, Europa und Asien in der Neuen Weltunordnung"},"content":{"rendered":"<div class=\"title-big\"><h2 class=\"title-big-title\">Chas Freeman<\/h2><\/div>\n<hr class=\"shortcode-hr\">\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Chas Freeman \u2013 Der Zerfall des alten Systems \u2013 Amerika, Europa und Asien in der Neuen Weltunordnung\" width=\"860\" height=\"484\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/IxsXeGwsJfQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34655-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/newparadigm.schillerinstitute.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Chas-Freeman-DE.mp3?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/newparadigm.schillerinstitute.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Chas-Freeman-DE.mp3\">http:\/\/newparadigm.schillerinstitute.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Chas-Freeman-DE.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<a href=\"http:\/\/newparadigm.schillerinstitute.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Chas-Freeman-DE.mp3\" style=\"display:inline-block;padding:10px 24px;background:#0693e3;color:#ffffff;border-radius:4px;text-decoration:none;font-weight:600;margin:5px;transition:opacity 0.2s;\" onmouseover=\"this.style.opacity=0.85\" onmouseout=\"this.style.opacity=1\">herunterladen<\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Transcript &#8211; Alles zerf\u00e4llt: Amerika, Europa und Asien in der Neuen Welt-Unordnung<\/h3>\n<p>Wir sind in eine Welt eingetreten, in der, wie William Butler Yeats 1919 sagte,<\/p>\n<blockquote><\/p>\n<p>\u201eAlles zerf\u00e4llt; das Zentrum nicht mehr h\u00e4lt,<\/p>\n<p>Und reine Anarchie entl\u00e4\u00dft man auf die Welt.\u201c<\/p>\n<p><\/blockquote>\n<p>In Europa, in Amerika und in Teilen Asiens droht Unheil &#8211; es herrscht gro\u00dfes Unbehagen dar\u00fcber, was kommen wird. Es gibt irritierende Tendenzen inmitten politischer L\u00e4hmung. Demagogie ist im Aufwind, und der Geruch des Faschismus liegt in der Luft.<\/p>\n<p>Besonders beunruhigend sind die Entwicklungen in der amerikanischen Politik. Das amerikanische Volk beginnt versp\u00e4tet eine Diskussion \u00fcber die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt. Wir Amerikaner h\u00e4tten dar\u00fcber schon vor 25 Jahren sprechen m\u00fcssen, als die Sowjetunion zusammenbrach und der Kalte Krieg endete. Jetzt gehen von uns Differenzen \u00fcber die Au\u00dfenpolitik aus, w\u00e4hrend entmutigende Bedingungen politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten auf der Welt herrschen. Wenige erinnern sich \u00fcberhaupt noch an den Optimismus, der herrschte, als Deutschland wiedervereinigt wurde, Europa einig und frei wurde, China sich der kapitalistischen Welt anschlo\u00df und Ru\u00dfland nach Demokratisierung strebte, um es ebenso zu machen.<\/p>\n<p>Fast niemand sieht heute noch viel Bewundernswertes an den Resultaten der amerikanischen Au\u00dfenpolitik seit diesen Ereignissen. Einige wenige behaupten, unser Gewalteinsatz h\u00e4tte energischer und kontinuierlicher sein m\u00fcssen, aber die Mehrheit ist \u00fcberzeugt, da\u00df die j\u00fcngsten US-Milit\u00e4rinterventionen kontraproduktiv waren. Immer mehr Amerikaner \u00e4u\u00dfern sich skeptisch \u00fcber \u201eAuslandsinterventionen\u201c.<\/p>\n<p>In einer Welt voller Mehrdeutigkeiten reduzieren sich die Auswahlm\u00f6glichkeiten auf zwei: Seid ihr f\u00fcr oder gegen die Anwendung der amerikanischen Milit\u00e4rmacht? Aber die Trennlinien zwischen den Seiten m\u00fcssen erst noch klar gezogen werden. Die Debatte schaukelt sich hoch als Teil eines Wahlkampfes, der von Unzufriedenheit im Inland gepr\u00e4gt ist und in dem die Au\u00dfenpolitik h\u00f6chstens eine Randerscheinung ist. Die Diskussion \u00fcber Amerikas internationale Ziele und Verantwortlichkeiten hat gerade erst begonnen. Sie ist<\/p>\n<p>noch inkoh\u00e4rent, und sie ist ebenso verwirrend f\u00fcr die Amerikaner wie alarmierend f\u00fcr ausl\u00e4ndische Verb\u00fcndete, Partner und Freunde.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt den Amerikanern schwer, alternative Wege in der Au\u00dfenpolitik zu formulieren, aber sie wollen auf keinen Fall noch mehr von dem gleichen. Sie m\u00f6gen unterschiedliche Ansichten dar\u00fcber haben, was \u201eWeitermachen wie bisher\u201c bedeutet. Aber was es auch ist, die meisten wollen es nicht. In der Hinsicht erscheinen die Europ\u00e4er nicht viel anders.<\/p>\n<p>Alle sind sich bewu\u00dft dar\u00fcber, da\u00df gro\u00dfe Verschiebungen in der Verteilung von Reichtum und Macht auf der Welt stattfinden.<\/p>\n<p>Der allgegenw\u00e4rtige \u00dcbelstand erkl\u00e4rt, warum viele in Europa wie in Amerika leeren Slogans hinterherlaufen, die als neue Ideen \u00fcber den Umgang mit Grenzen, den Fl\u00fcchtlingen, Au\u00dfenhandel und -investitionen, Beziehungen zu Verb\u00fcndeten und Gegnern und Neuerungen in der existierenden Weltordnung maskiert sind. Weitere Unsicherheit entsteht aus Wirtschaftsflauten, die aus politischem Stillstand geboren sind, aus gesetzgeberischen Vers\u00e4umnissen in der Haushaltspolitik, radikaler, doch unproduktiver Geldpolitik, Ausbreitung von Autoritarismus, erneuter Antipathie zwischen dem Westen und Ru\u00dfland sowie viel unsinnigem Gerede von Leuten mit gro\u00dfen politischen Ambitionen, aber kleinen intellektuellen F\u00e4higkeiten, in Amerika wie in Europa.<\/p>\n<p>Das Zerbr\u00f6ckeln der Pax Americana tr\u00e4gt betr\u00e4chtlich zu der neuen Welt-Unordnung bei. Das ist nervenaufreibend f\u00fcr die Amerikaner und f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Verb\u00fcndeten und Partner der USA. Das Beste, das sich dar\u00fcber sagen l\u00e4\u00dft, ist, da\u00df es auch Amerikas Gegner verwirrt. Allerdings ist man sich auch nicht einig darin, wer diese Gegner sind, und noch weniger darin, was sie m\u00f6glicherweise wollen.<\/p>\n<h4>Das neue Feindbild<\/h4>\n<p>Mit dem Verschwinden des messianischen Totalitarismus unterlagen die Amerikaner dem \u201eFeindmangel-Syndrom\u201c: dem mulmigen Gef\u00fchl, das einen erfa\u00dft, wenn das eigene Milit\u00e4r- und R\u00fcstungsestablishment keinen offensichtlichen, glaubhaften Feind mehr hat, auf den es sich konzentrieren kann. Die europ\u00e4ische Staatskunst akzeptiert traditionell, da\u00df Verb\u00fcndete in einer Sache Gegner in einer anderen Sache sein k\u00f6nnen, da\u00df auf viele Probleme milit\u00e4rische St\u00e4rke allein keine Antwort ist, da\u00df langfristige Interessen manchmal kurzfristige Opfer erfordern und da\u00df es oft kl\u00fcger ist, mit denjenigen, die begrenzte Ver\u00e4nderungen der existierenden Ordnung anstreben, Auss\u00f6hnung statt Konfrontation zu suchen. Aber dies sind neuartige Gedanken f\u00fcr Amerikaner, deren au\u00dfenpolitische Bildung aus dem Kalten Krieg stammt, als die Diplomatie einem Grabenkrieg und keinem Bewegungskrieg \u00e4hnelte.<\/p>\n<p>Der lange Wettstreit mit der Sowjetunion machte Amerika in vieler Hinsicht einspurig. Washington lernte, sich zuerst auf milit\u00e4rische Abschreckung und Bestrafung durch Sanktionen zu verlegen, bevor man Diplomatie erwog, um die Ursachen der Zwietracht zu beseitigen, der die zu verh\u00fctenden Gefahren heraufbeschwor. Und Abschreckung ist problematisch, nicht nur, weil man einen Krieg aus Versehen riskiert, sondern weil sie unbeweglich macht und potentielle Konflikte verschiebt, anstatt sich mit ihren Ursachen zu befassen. Abschreckung verhindert unmittelbar Konflikte und kauft der Diplomatie Zeit. Aber wenn es keine Diplomatie gibt, h\u00e4uft Abschreckung nur \u00c4rger an f\u00fcr sp\u00e4ter, wenn das Gl\u00fcck sich zugunsten der einen oder anderen Seite wendet. Das ist besonders wahrscheinlich, wenn das Machtgleichgewicht sich schnell ver\u00e4ndert, wie derzeit im indo-pazifischen Raum.<\/p>\n<p>Es sieht so als, als fingen die Amerikaner an, sich zu der Erkenntnis vorzutasten, da\u00df die L\u00f6sung der tieferen Probleme, die streitende Seiten in den Kampf treiben, eine bessere Methode zur Friedenssicherung sein kann, als zu versuchen, das Risiko zu managen, indem man glaubhaft versichert, Gewaltanwendung gleicherma\u00dfen zu vergelten. Wenn dem so ist, dann ist das eine gesunde Entwicklung, die wir alle begr\u00fc\u00dfen sollten. Sie bietet Amerikas Verb\u00fcndeten und Partnern neue M\u00f6glichkeiten, sich Amerikas immer noch enorme F\u00e4higkeit<\/p>\n<p>zunutze zu machen, eine bessere Zukunft zu gestalten, zu lenken und zu erhalten, als sie sonst aus der gegenw\u00e4rtigen Welt-Unordnung erwachsen w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>Europa aus der Sicht Amerikas<\/h4>\n<p>Aus amerikanischer Sicht jedoch erscheinen Washingtons europ\u00e4ische Verb\u00fcndete konfuser denn je. Die Europ\u00e4er reden mit vielen Zungen, die widerspr\u00fcchlich sind. Die Brexit-Entscheidung hat die Verwirrung Europas noch verst\u00e4rkt. Der Brexit d\u00fcrfte die Nachkriegsordnung in Europa ersch\u00fcttern, l\u00e4\u00dft die Briten als Mittler zwischen den Vereinigten Staaten und dem \u201eKontinent\u201c ausfallen und ist ein m\u00f6glicherweise t\u00f6dlicher Schlag f\u00fcr die britische Sonderbeziehung zu beiden. All dies, w\u00e4hrend im amerikanischen Wahlkampf un\u00fcberlegte Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die Neuverhandlung der transatlantischen und transpazifischen B\u00fcndnisse der USA, des globalen Handelssystems und der Beziehungen zu Ru\u00dfland und zu China laut werden.<\/p>\n<p>Immer mehr Amerikaner verstehen, da\u00df die Vereinigten Staaten, wenn sie sich weigern, auf ihre Verb\u00fcndeten zu h\u00f6ren, irgendwann keine mehr haben werden. Aber andere fragen, wie L\u00e4nder, die relativ wenig f\u00fcr ihre Verteidigung ausgeben und dies lieber \u201eOnkel Sam\u201c \u00fcberlassen, als gleichberechtigte \u201eVerb\u00fcndete\u201c und nicht blo\u00df als \u201eProtektorate\u201c gelten d\u00fcrfen. \u201eVerb\u00fcndete\u201c sind L\u00e4nder mit gegenseitigen Verpflichtungen und Verantwortungen, d.h. ohne einseitige Abh\u00e4ngigkeit. Die lockere Verwendung des Wortes \u201eVerb\u00fcndeter\u201c verh\u00fcllt die Tatsache, da\u00df die Vereinigten Staaten in Asien und im Nahen Osten M\u00fcndel- und Satellitenstaaten haben, die sie einseitig unter ihren Schutz gestellt haben, aber keine \u201eVerb\u00fcndeten\u201c, die sich zur gemeinsamen Verteidigung verpflichtet haben.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu haben die USA in Europa immer solche Verb\u00fcndeten gesucht, keine Satrapien oder \u201eAnh\u00e4ngsel\u201c, erst recht keine unterw\u00fcrfigen Kriecher. Deshalb haben die Amerikaner das \u201eeurop\u00e4ische Projekt\u201c so stark unterst\u00fctzt. Wenn nun der Versuch der europ\u00e4ischen Einigung ins Straucheln ger\u00e4t, gilt das auch f\u00fcr die Hoffnung in Amerika, da\u00df Europa einen R\u00fcckfall in Machtungleichgewichte und in politisch-wirtschaftliche Zusammenbr\u00fcche vermeiden kann, die im letzten Jahrhundert die USA dreimal zwangen, Europa zu retten und schlie\u00dflich zu besetzen.<\/p>\n<p>Offen gesagt, wenn die Europ\u00e4er unter den gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden weiter als Verb\u00fcndete gelten und als solche von den Amerikanern geh\u00f6rt werden wollen, dann m\u00fcssen sie ihre Erwartungen an sich selbst und auch an Amerika \u00e4ndern. Sie m\u00fcssen mehr f\u00fcr ihre Verteidigung tun und koh\u00e4rente Sichtweisen formulieren und kommunizieren, was sie von den Vereinigten Staaten zur Erg\u00e4nzung ihrer eigenen milit\u00e4rischen St\u00e4rke brauchen und was nicht. Sie m\u00fcssen sich ausr\u00fcsten und das amerikanische Volk davon \u00fcberzeugen, da\u00df es im Interesse der Vereinigten Staaten ist, da\u00df sie das bekommen, was sie wollen. (Gleiches gilt f\u00fcr nichteurop\u00e4ische Partner wie Japan und S\u00fcdkorea.) Die Welt ist wohl oder \u00fcbel in eine \u00c4ra von Transaktionsbeziehungen eingetreten, anstelle von B\u00fcndnissen auf Grundlage der Konfrontation mit einem gemeinsamen globalen Feind oder gegenseitigen Verpflichtungen auf gemeinsame strategische Interessen und Visionen.<\/p>\n<h4>Die Rolle der NATO<\/h4>\n<p>Der Ruf nach einer Neujustierung und gleichzeitigen Umstrukturierung von Amerikas Verteidigungsgarantien in \u00dcbersee erinnert daran, da\u00df die USA 160 Jahre lang \u201eumschlingende Allianzen\u201c sorgf\u00e4ltig gemieden haben. Diese Haltung endete erst 1949, als die USA zusammen mit Kanada und europ\u00e4ischen Nationen die NATO bildeten. Washington wollte damals der wahrgenommenen Gefahr etwas entgegensetzen, da\u00df Stalins UdSSR in Versuchung bringen k\u00f6nnte, nicht nur Europa, sondern die ganze Welt jenseits der westlichen Hemisph\u00e4re zu beherrschen oder gar zu erobern, um soviel Macht in der Alten Welt<\/p>\n<p>anzusammeln, da\u00df sie eine existentielle Herausforderung f\u00fcr die Neue darstellen k\u00f6nnte. Aber die Sowjetunion existiert nicht mehr. Allen heutigen Bem\u00fchungen zum Trotz, Ru\u00dfland als unerbittlich r\u00e4uberisch hinzustellen, droht Europa keine vergleichbare \u00e4u\u00dfere Gefahr wie in der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Mit amerikanischer Hilfe erholte Europa sich vom Zweiten Weltkrieg und festigte seine demokratische politische Kultur. Es hat seit dem Ende des Kalten Krieges ein Vierteljahrhundert lang Frieden, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit genossen. Europa ist vielleicht viel weniger als die Summe seiner Teile, aber es ist nicht schwach. Die europ\u00e4ischen NATO-Mitglieder haben eine viermal gr\u00f6\u00dfere Bev\u00f6lkerung als Ru\u00dfland und ein neunmal gr\u00f6\u00dferes Wirtschaftsprodukt. Sie bleiben unter den von der NATO angestrebten Milit\u00e4rbudgets, geben aber trotzdem mindestens dreimal soviel oder mehr f\u00fcr die Verteidigung aus als Ru\u00dfland. Einige unterhalten au\u00dferordentlich effektive Streitkr\u00e4fte. Es besteht gegenw\u00e4rtig keine Notwendigkeit, da\u00df die Europ\u00e4er sich f\u00fcr ihre Verteidigung haupts\u00e4chlich auf US-Kr\u00e4fte verlassen. Unter diesen Umst\u00e4nden ist es kaum \u00fcberraschend, wenn immer mehr Amerikaner davon \u00fcberzeugt sind, da\u00df eine Umverteilung der Lasten im transatlantischen B\u00fcndnis \u00fcberf\u00e4llig ist.<\/p>\n<p>Manche fragen: \u201eWenn die NATO immer noch die Antwort ist, was waren die Fragen?\u201c Aber die meisten Amerikaner sind weit davon entfernt, sich von Europa trennen zu wollen, sie wollen nur eine gleichm\u00e4\u00dfiger verteilte Sicherheitsbeziehung zu ihm. Der Grund hierf\u00fcr ist, da\u00df drei Kriege im 20. Jahrhundert (zwei hei\u00dfe und ein kalter) gezeigt haben:<\/p>\n<p>&#8211; Europa und Amerika geh\u00f6ren zu einer einheitlichen geopolitischen Zone, in der Sicherheit und Wohlergehen aller untrennbar mit der aller anderen verbunden sind;<\/p>\n<p>&#8211; Eine europaweite Sicherheitsarchitektur ist notwendig, um die Sicherheitskooperation aufrechtzuerhalten und Frieden unter den Europ\u00e4ern zu wahren;<\/p>\n<p>&#8211; Europa braucht Amerikas Beteiligung an seiner Sicherheitsarchitektur, um eine Vorherrschaft der gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Macht, Deutschland, auszuschlie\u00dfen und es in die Lage zu versetzen, einen Ausgleich zu Ru\u00dfland herzustellen und mit Ru\u00dfland friedlich zu koexistieren.<\/p>\n<p>Diese Realit\u00e4ten schaffen einen zwangsl\u00e4ufigen Rahmen f\u00fcr die transatlantische Zusammenarbeit, aber sie sind nicht selbstvollziehend. Sie werden vom Brexit und \u00e4hnlichen Spaltungstendenzen in Europa untergraben. Sie f\u00fchren nicht automatisch zu kooperativer Sicherheit, kooperativen Beziehungen zu Ru\u00dfland oder der T\u00fcrkei oder kooperativer Stabilisierung der Grenzl\u00e4nder zwischen Eurasien und Europa. Der Entwurf solcher Vereinbarungen erfordert Staatskunst, an der es seit dem Ende des Kalten Krieges offenkundig mangelt.<\/p>\n<p>Frieden und Stabilit\u00e4t in Europa und Eurasien erfordern die Erkenntnis in Europa und Ru\u00dfland, da\u00df beide ein lebenswichtiges Interesse an einer weitgehend einigen, florierenden, unabh\u00e4ngigen Ukraine haben. Eine solche Ukraine kann nur entstehen, wenn beide sich zur\u00fcckhalten und r\u00fcckversichern.<\/p>\n<p>Ein Modell daf\u00fcr ist der \u00f6sterreichische Staatsvertrag von 1955, der \u00d6sterreich als souver\u00e4nen, demokratischen Staat mit Garantien f\u00fcr ethnische Minderheiten etablierte. \u00d6sterreich zementierte seine Freiheit, indem es seine dauerhafte Neutralit\u00e4t zwischen Ost und West erkl\u00e4rte und ein glaubw\u00fcrdiges Bundesheer aufstellte. Wenn das mit \u00d6sterreich auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges m\u00f6glich war, dann ist es auch unter den heutigen, weit weniger konfliktgepr\u00e4gten Umst\u00e4nden mit der Ukraine m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re im Interesse aller, besonders der Ukraine, die Ukraine sowohl zum Puffer als auch zur Br\u00fccke zwischen Europa und Ru\u00dfland zu machen. Europ\u00e4er und Russen haben inzwischen \u00fcber jeden Zweifel erhaben bewiesen, da\u00df sie beide bereit sind, Versuche des anderen, sich die Ukraine einzuverleiben oder \u00fcber sie zu herrschen, zu vereiteln und zu bestrafen. Die Vereinigten Staaten haben gezeigt, da\u00df man darauf z\u00e4hlen kann, da\u00df sie Europa im Widerstand gegen eine russische Intervention in der Ukraine milit\u00e4risch unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das Resultat ist eine gef\u00e4hrliche festgefahrene Situation, aber auch eine Chance. Beide Seiten haben die Zwangsma\u00dfnahmen ausgereizt. Keine kann hoffen, aus einem fortgesetzten Wettstreit um die Vorherrschaft in der Ukraine irgendwelche substantiellen Vorteile zu gewinnen. Eine Eskalation der Konfrontation zwischen der NATO und Ru\u00dfland ist teuer und riskant. Sie f\u00fchrt zu keinem Ergebnis, das sich eine der beiden Seiten w\u00fcnschen w\u00fcrde. Gegenseitige Garantien f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit und Neutralit\u00e4t der Ukraine nach dem Vorbild \u00d6sterreichs auszuhandeln, ist die beste verbliebene Option.<\/p>\n<p>Ohne eine gemeinsame Vision Europas und Ru\u00dflands als Rahmen f\u00fcr ein solches Ergebnis wird man jedoch in der Sackgasse bleiben. In einem solchen Fall ist eine gro\u00dfe \u00dcbereinkunft angesagt. Die im Minsker Abkommen vorgesehenen beiderseitigen Truppenr\u00fcckz\u00fcge und Reformen bieten einen potentiellen Ausgangspunkt f\u00fcr einen diplomatischen Proze\u00df zur Konsolidierung des zuk\u00fcnftigen Standorts einer unabh\u00e4ngigen Ukraine zwischen Europa und Ru\u00dfland. Wie bei Minsk ist Europa, nicht Amerika, am besten geeignet, einen solchen Proze\u00df zu konzipieren und anzuf\u00fchren, der Teil einer gr\u00f6\u00dferen Vision f\u00fcr kooperative Sicherheit in Europa sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Weise amerikanische Staatskunst w\u00fcrde eine russische Beteiligung an der Regelung der Angelegenheiten in Europa und der eurasischen Landmasse insgesamt begr\u00fc\u00dfen, anstatt sich gegen sie zu stemmen. Daf\u00fcr existieren bereits viele institutionelle Rahmen, wie die OSZE, der NATO-Ru\u00dfland-Rat, der Europarat, die Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit und andere. Die Wiedereinbindung des nachrevolution\u00e4ren Frankreich in das \u201eeurop\u00e4ische Konzert\u201c nach den Napoleonischen Kriegen hat gezeigt, wie die Aufnahme fr\u00fcherer Gegner in die Entscheidungsfindung langfristig Frieden und Stabilit\u00e4t in Europa f\u00f6rdern kann. Der Ausschlu\u00df des postwilhelminischen Deutschland und postzaristischen Ru\u00dfland aus den europ\u00e4ischen Beratungen nach dem Ersten Weltkrieg wirkte sich keineswegs gut aus. Diese Erfahrung sollte unmi\u00dfverst\u00e4ndlich klarmachen, wie gef\u00e4hrlich es ist, Gro\u00dfm\u00e4chte von einer angemessenen Rolle bei der Entscheidung \u00fcber Angelegenheiten, in denen sie ein legitimes Interesse haben, auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<h4>Neue Konstellationen in Asien<\/h4>\n<p>Die USA, Europa und Ru\u00dfland m\u00fcssen sich auch an eine Welt anpassen, in der China und Indien als asiatische Nationen mit weltweitem Einflu\u00df Japan erg\u00e4nzen. Diese Anpassung ist f\u00fcr die Vereinigten Staaten besonders schwierig. Amerika hat seit 71 Jahren die Vorherrschaft im westlichen Pazifik. Es hat sich daran gew\u00f6hnt, der W\u00e4chter des globalen Wohls und der unverzichtbare Schlichter von Streitigkeiten in der Region zu sein. Nun mu\u00df es mit einem aufsteigenden China, einem selbstbewu\u00dfteren Indien und einem unabh\u00e4ngigeren Japan auskommen.<\/p>\n<p>Bestehende Institutionen, wie ASEAN, sind gespalten und bei der Regelung dieser Fragen ineffektiv. Die sich wandelnden Kr\u00e4ftekonstellationen im Asien-Pazifik-Raum sind vor allem \u00f6konomisch gepr\u00e4gt. Im Gegensatz dazu ist die \u201eWende nach Asien\u201c der USA fast ausschlie\u00dflich milit\u00e4risch. Die USA, Japan und China sprechen aneinander vorbei. Doch st\u00fcckchenweise entfaltet sich ein Anpassungsproze\u00df, unter viel Theatralik um Territorialstreitigkeiten auf dem Meer, an denen die Vereinigten Staaten nicht beteiligt sind. Die enormen Asymmetrien bei dem, was hier f\u00fcr China und f\u00fcr die USA auf dem Spiel steht, sind gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Um Bismarcks vorausschauende Bemerkung \u00fcber den Balkan 26 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg umzuformulieren: Alle dortigen Felsen, Riffe und Sandb\u00e4nke sind nicht das Leben eines einzigen US-Soldaten wert. Aber wenn es jemals wieder einen Krieg in Asien gibt, wird es das Resultat irgendeiner dummen Sache im S\u00fcd- oder Ostchinesischen Meer sein. Kriege k\u00f6nnen passieren, auch wenn sie keinen Sinn machen. In Asien wie in Europa braucht man<\/p>\n<p>dringend Diplomatie anstelle milit\u00e4rischer Methoden, mit denen man nichts l\u00f6st, aber viel riskiert.<\/p>\n<p>Indem die Vereinigten Staaten Ru\u00dfland im Westen und China im Osten zur\u00fcckdr\u00e4ngen, werden beide n\u00e4her zusammengebracht. Um der chinesisch-russischen Partnerschaft etwas entgegenzusetzen, hofiert Japan Ru\u00dfland, aber nicht sehr erfolgreich. China bewegt sich auf Europa zu. Und China, Europa, Japan, Ru\u00dfland und die USA hofieren alle Indien, das sich jedoch ziert. Wir sind in eine Welt vieler konkurrierender Machtzentren und regionaler Konstellationen eingetreten, in der langfristiger Weitblick und kurzfristiges diplomatisches Geschick hoch im Kurs stehen. Mit der Ausnahme Indiens legt derzeit keine der Gro\u00dfm\u00e4chte beide Qualit\u00e4ten an den Tag.<\/p>\n<h4>Die Neue Seidenstra\u00dfe<\/h4>\n<p>Dies ist der globale Kontext, in dem China vorgeschlagen hat, mit einem Netz von Eisenbahnen, Stra\u00dfen, Pipelines, Kommunikationslinien, H\u00e4fen, Flugh\u00e4fen und industriellen Entwicklungszonen die gesamte eurasische Landmasse zu integrieren. Wenn Chinas Konzept \u201eEin G\u00fcrtel, eine Stra\u00dfe\u201c verwirklicht ist, wird dies ein riesiges Gebiet f\u00fcr den wirtschaftlichen und interkulturellen Austausch \u00f6ffnen und Grenzen f\u00fcr internationale Zusammenarbeit abbauen, in einer Zone von 65 L\u00e4ndern mit 70% der Weltbev\u00f6lkerung, mit mehr als 40% des Wirtschaftsprodukts, die weit \u00fcber die H\u00e4lfte des gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftswachstums der Welt erzeugt. Die gesch\u00e4tzten Kosten der Projekte, die jetzt schon auf dem Rei\u00dfbrett existieren, sind mindestens das Elffache dessen, was f\u00fcr den Marshallplan ausgegeben wurde.<\/p>\n<p>Diese umfangreichen Infrastrukturprojekte versprechen die Geschwindigkeit von Transport und Telekommunikation deutlich zu erh\u00f6hen, Kosten zu senken und eine Vielzahl neuer Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen. Sie werden Ru\u00dfland und Zentralasien mit China wie mit Europa zusammenf\u00fchren und gleichzeitig S\u00fcdasien \u00fcber Land und Meer mit den M\u00e4rkten und Rohstoffen der L\u00e4nder n\u00f6rdlich davon wie auch Afrikas verbinden. Indem es den Landtransport weitaus effektiver macht und ihn an neue H\u00e4fen und Flugh\u00e4fen anbindet, wird das Programm \u201eEin G\u00fcrtel, eine Stra\u00dfe\u201c die Gewichte zwischen Land- und Seemacht ver\u00e4ndern, so auch in den arktischen Regionen, die jetzt infolge der Klimaver\u00e4nderung zug\u00e4nglich werden.<\/p>\n<p>Als Konzept ist das G\u00fcrtel-und-Stra\u00dfe-Programm die gr\u00f6\u00dfte Kombination von Bauprojekten, die der Mensch jemals unternommen hat. Sein Potential, die globale Geo\u00f6konomie und Politik zu ver\u00e4ndern, entspricht dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung. Es wird eine gr\u00f6\u00dfere B\u00fchne f\u00fcr friedliche Zusammenarbeit und Wettbewerb schaffen, als es irgendein Imperium jemals geschafft hat, und das ohne milit\u00e4rische Eroberungen oder Gewaltanwendung. Es bietet damit ein Gegengift gegen strategische Kurzsichtigkeit, Militarismus und finanzielle Durchtriebenheit, die hinter der neuen Welt-Unordnung stehen. Es ist eine Alternative zum \u201eWeitermachen wie bisher\u201c, die die Welt mit offenen Armen annehmen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Europa, in Amerika und in Teilen Asiens droht Unheil &#8211; es herrscht gro\u00dfes Unbehagen dar\u00fcber, was kommen wird. Es gibt irritierende Tendenzen inmitten politischer L\u00e4hmung. Demagogie ist im Aufwind, und der Geruch des Faschismus liegt in der Luft&#8230;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":34576,"menu_order":1,"template":"","meta":{"footnotes":""},"portfolio_category":[375,382,376],"class_list":["post-34655","portfolio_cpt","type-portfolio_cpt","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","portfolio_category-berlin-june-2016-de","portfolio_category-panel-1-berlin-june-2016-en-de","portfolio_category-panel-1-berlin-june-2016-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt\/34655","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt"}],"about":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/portfolio_cpt"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_cpt\/34655\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34576"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"portfolio_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/2.schillermeet.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/portfolio_category?post=34655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}